Charakterinseln statt "Kranzabwurfstelle" PDF Drucken E-Mail
von Christian Hambrecht

In Bamberg wird ein Mahnmal für die NS-Widerstandskämpfer Stauffenberg, Aron und Wölfel enthüllt. Schon beim Festakt entspinnt sich eine Kontroverse über heutige Erinnerungskultur in Deutschland. Eine Debatte, die dem Mahnmal-Künstler Albert Ultsch und den Initiatoren der Willy-Aron-Gesellschaft sehr gelegen kommt.

Man stand noch im verglasten, weitläufigen Foyer des E.T.A.-Hoffmann-Theaters Bamberg; von draußen drang die starke Mittagssonne herein und ein Himmel im hellen Sommerblau spannte sich über Theater und den benachbarten Harmoniegarten. Feiertagswetter am 25. Juni 2016.

Gerade eben war noch ein Satz aus der Kammersinfonie erklungen, die der Cellist der Bamberger Symphoniker, Eduard Resatsch eigens für den Anlass komponiert und mit seinen Musikerkollegen Nadine Resatsch sowie Laurence Forstner Beaufils aufgeführt hatte.


Die Willy-Aron-Gesellschaft hatte zur Einweihung des Bamberger Widerstandsmahnmals geladen - und bis zu diesem Moment hatten das Wetter, die Reden und die Musik einen rundum geschmackvollen, geistig-musikalischen Vorspann zum Höhepunkt des Festaktes gebildet - der nahenden Enthüllung des Mahnmals selbst.

Es besteht aus drei Büsten, die der renommierte Bamberger Bildhauer Albert Ultsch geschaffen und auf 1,60 m hohen Stelen platziert hat. Die Büsten zeigen die Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Willy Aron und Hans Wölfel, die alle drei eng mit der Stadt Bamberg verbunden sind.

Stauffenbergs Familie lebte hier, Aron und Wölfel wirkten in der Stadt. Aron als kämpferischer Jungsozialist, engagiertes Mitglied jüdischer Jugendorganisationen und Justizreferendar; Wölfel als Vorsitzender der „Katholischen Aktion“ und Rechtsanwalt, der sich insbesondere für die Opfer des NS-Regimes einsetzte und ab 1933 sich im Geheimen mit Gleichgesinnten zum Widerstand formierte.

Jeder bezahlte seinen Einsatz mit dem Leben: Stauffenberg wurde nach seinem Attentatsversuch auf Hitler am 20. Juli 1944 erschossen, Willy Aron im KZ Dachau bereits 1933 zu Tode gefoltert und Hans Wölfel als Regimekritiker am 3. Juli 1944 enthauptet.

Die Festredner, Regierungspräsidentin Heidrun Piwernetz und Oberbürgermeister Andreas Starke sowie der Moderator des Festaktes und Vorsitzende der Willy-Aron-Gesellschaft, Daniel Manthey, hatten zurück auf die NS-Vergangenheit und die Lebensläufe der geehrten Widerstandskämpfer geblickt - und auch nach vorne geschaut, auf eine unsichere Zukunft mit Gefahren, die von den Extremen des politischen Spektrums für die Demokratie ausgingen.

Jetzt sprach die Judaistik-Professorin Susanne Talabardon.

Und da geschah es. Es ging auf einmal nicht mehr um „früher“ und „künftig“, sondern um das Hier und Jetzt. Man kam sich vor, als wäre man ertappt worden. Talabardon hatte davon gesprochen, dass der Berliner Volksmund die Neue Wache als zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik spöttisch „Kranzabwurfstelle“ getauft habe. „Gedenkrituale können sich abnutzen“, warnte sie nun. Und empfahl: „Statt Blumen und Kränze zu besorgen, könnte das Geld für die Flüchtlingshilfe gespendet werden.“

Beifall setzte ein. Und plötzlich stand diese irritierende Frage im Raum: Musste man Talabardon Kritik nicht auch auf das beziehen, was hier gerade geschah? Denn konsequent zu Ende gedacht: War man nicht dabei, eine weitere „Kranzabwurfstelle“ zu schaffen?

Gleich würde das stilvolle Kunstwerk enthüllt, dann ein Sektempfang folgen. Und dann, ja dann? Alles wie gehabt?

Spricht man später die Initiatoren des Projekts, den Künstler Albert Ultsch und die Vorsitzenden der Willy-Aron-Gesellschaft, Daniel Manthey und Mechthildis Bocksch, auf Talabardon Worte und das entstandene Unbehagen an, scheinen sie eher erfreut als beunruhigt. Denn es ist ihr persönliches Anliegen, der „Gedenkfalle“ zu entkommen und die deutsche Erinnerungskultur, wie sie bislang gepflegt wurde, auch kontrovers zu diskutieren.

 „Es ist kein Denkmal, sondern ein Mahnmal. Wir wollen nicht nur, dass die Widerstandskämpfer von einst für ihre Taten geehrt werden, sondern dass sie als Vorbilder in die Zukunft hinein wirken. Wir stehen deshalb in Kontakt mit Schulen, wollen Lehrer und Schüler mit Vorträge und Führungen für das Mahnmalprojekt gewinnen und auch die Erwachsenenbildung ansprechen“, verteidigt Mechthildis Bocksch das Mahnmalprojekt mit Nachdruck.

„Wir leben jetzt siebzig Jahre in Frieden. Wenn sich das morgen ändert, woran sollen wir uns dann erinnern, woran orientieren in unserem Handeln?“, fragt sie. Und gibt die Antwort gleich selbst: „Stauffenberg, Wölfel und Aron können uns vor Augen führen, dass jeder Einzelne in der Lage ist, - auch unter extrem schwierigen Umständen - für universelle Werte einzutreten. Es braucht deshalb eine Reflexion über ihr Leben. Allein praktische Hilfe reicht nicht. Beides muss einander bedingen.“

Und Daniel Manthey, von Beruf Historiker, ergänzt: „Vor allem ist auch eine Reflexion von Nöten, die über die Grenzen unserer Gegenwart hinaus reicht und die es ermöglicht, aktuelle Probleme von einer größeren Warte aus zu sehen. Diese Sichtweise kann dann sehr hilfreich für die Problemlösung sein - und bloßem Aktionismus vorbeugen.“

Der Wirkungsgrad von Gedenkstätten und Mahnmalen ist nach herkömmlichen Kriterien schwer zu evaluieren - und kaum in Zahlen messbar. Wann mündet das Erinnern und Gedenken in konkrete Taten der Zivilcourage und des Gerechtigkeitssinns? Was muss geschehen, damit Menschen mutig, furchtlos und sogar um den Preis ihres eigenen Lebens für Werte eintreten, die in wohlstandssaturierten Friedenszeiten oft zu bloßen Floskeln in Sonntagsreden herabgesunken sind? 

Die Erinnerungskultur vor allem auch in Deutschland liegt in einem Spannungsfeld zwischen hohem Ideal und alltäglichen Niederungen, zwischen der Klarheit geistiger Werte und den Brechungen des Lebens, zwischen Abstraktion und Einzelschicksal.

Albert Ultsch, der Bildhauer, versucht diese Gegensätze im „Bildhaften“ aufzulösen, wie er es nennt. „Für den Großteil der Bürger ist es wichtig, dass er etwas erkennt und sich vorstellen kann.’“

Deshalb habe er sich nach eingehender Überlegung gegen ein abstrakt geformtes Mahnmal entschieden - und stattdessen Büstenportraits der Widerstandskämpfer geschaffen. Nicht alle Beteiligte fanden dies gut; teils wurde der Vorwurf laut, dass solche Portraits heutzutage „zu antiquiert“ seien.

Doch Albert Ultsch ficht dies nicht an. „Die Kunst, wie sie dieses Mahnmal verkörpert, soll gerade die breite Masse ansprechen - und nicht bloß eine kleine Zahl von Intellektuellen. Der Bürger soll die Köpfe sehen und sich denken: ‚Aha, so hat der ausgesehen. Und umgekommen ist er also. Warum eigentlich?“

Zur Veranschaulichung erzählt Ultsch eine Anekdote: „Am Anfang des Projekts habe ich aus bloßer Neugier im Internet nach einem Symbol für Widerstand gesucht. Erwartet hatte ich eine Taube, eine Säule oder irgendwas in der Art. Überrascht war ich dann aber, als auf die Anfrage hin lauter Suchergebnisse für Stauffenberg angezeigt wurden. Anscheinend ist eben die Person Stauffenberg im kollektiven Bewusstsein ein Symbol für Widerstand.“

Zugleich setzte sich Ultsch zum Ziel, die Büsten der drei Widerstandskämpfer nicht allein nach der Natur, sondern auch nach ihrem Charakter zu schaffen. Er wollte sie in ihrer individuellen Eigenart zeigen, um Nähe zu den Portraitierten entstehen zu lassen. Fragt man ihn nach den Charaktereigenschaften der drei Portraitierten, antwortet Ultsch schnell, konzentriert und präzise. Man spürt, wie tief er ihr Leben studiert und durchdrungen hat. „Stauffenberg ist streng erzogen, militärisch korrekt, geradlinig. Aron dagegen sehr aufgeweckt, jugendlich, burschikos, mit Elan für eine Sache engagiert. Wölfel standhaft, für diejenigen eintretend, die es schwer haben, ihr Recht zu erhalten; er ist sich nicht zu schade, auch die Belange kleiner und bedürftiger Leute ernst zu nehmen. Er hingegen nimmt sich selbst nicht zu wichtig und ist Christ.“

Doch wie kann man diese Charaktermerkmale bei der Ausarbeitung der Büsten anschaulich machen?

„Es sind Details. So habe ich nicht nur die Köpfe, sondern auch den Brustbereich in das Porträt miteinbezogen. Stauffenberg trägt eine abstrahierte Uniform mit hoch geschlossenem Kragen, Aron eine lockere, leicht schief sitzende Fliege und Wölfel Krawatte und Jackett“, antwortet Ultsch. „Auch ist der Rumpf und der Übergang zwischen Büste und Stelensockel jeweils unterschiedlich gestaltet“, führt er weiter aus. „Wölfel habe ich klassisch gehalten: Der Rumpf formt sich zu einem Kubus, der glatt und exakt auf dem Stelensockel aufsitzt. Bei Aron dagegen habe ich den Rumpf unruhig und knittrig gestaltet und einen leicht abfallenden Übergang zwischen Büste und Stele gewählt. Man hat Aron zu Schulzeiten als Zappelphilipp gehänselt, er war impulsiv und stets aktiv. Bei Stauffenberg erinnert die verkürzte rechte Rumpfseite daran, dass er zurzeit des Attentatsversuchs einhändig war. Den Übergang von der Büste zur Stele habe ich hier hart und eckig gestaltet.“

Im Nordosten des Harmoniegartens, auf einem kleinen Rasengrund unmittelbar gegenüber dem Café Luitpold, kann man diese Eindrücke nun nachvollziehen.Dort erheben sich die Charakterköpfe auf ihren Stelensockeln und schimmern sanft in der Sonne. 

Die Büsten hat Ultsch aus Tombak gegossen - eine Legierung, die er wegen ihrer edlen, goldgelben Färbung der gängigen Bronze vorzog. So wollte er den Kontrast zu den rotbraunen Stelen aus Corten-Stahl stärken.

Die Stelen sind auf der Linie eines Viertelkreises um den Eckpunkt des Parks angeordnet. Auf diesen Eckpunkt ist auch der Blick jeder Büste gerichtet. „Die Widerstandskämpfer kommen zwar aus unterschiedlichen Lagern - und doch haben sie alle dieselbe Blickrichtung, teilen ein Ziel“, bemerkt Ultsch. Schmale, braune Stahlplatten schirmen Büste und Stele rückwärtig ab. Die Stelen stehen auf braunen Porphyrplatten, die in den Boden eingelassen sind.

Daniel Manthey erläutert das gemeinsam mit Ultsch erarbeitete künstlerische Konzept: „Die Büsten der drei Widerstandskämpfer sollen als Charakterinseln aus der braunen Flut, versinnbildlicht durch die braunen Bodenplatten, herausragen.“ Zwei weitere Steinplatten gehen rechts und links der drei Büstenformationen in den Straßenbelag über. „Sie verweisen in die Gegenwart“, erklärt Manthey ihren Sinn.

Acht Jahre sind von den ersten Ideen für ein Mahnmal bis hin zu seiner Realisierung vergangen.

Ein oft zäher, von kleinen Fortschritten geprägter Entstehungsprozess, für den die Verantwortlichen eines langen Atems bedurften.Schwierig erwies sich insbesondere die Standortsuche. „Der Ort sollte Ruhe und Würde ausstrahlen - und dennoch so nahe der Stadtmitte liegen, sodass er stark frequentiert wird, auch von Touristen. Zugleich sollte der Ort nicht heroisierend wirken“, zählte Albert Ultsch die Anforderungen auf.

Verschiedene Plätze vom Innenhof der Universität in der Jesuitenstraße, über die Rückseite des Schloss von Geyerswörth, den Vorplatz des erzbischöflichen Palais bis hin zum Schillerplatz wurden diskutiert und letztlich wieder verworfen. Erst 2013 einigte man sich mit der Stadt auf die Parkanlage Harmoniegarten als Standort.

Es war wohl die passende Wahl, wie Mechthildis Bocksch schon kurz darauf froh berichtet: „Ich komme beinahe täglich am Mahnmal vorbei. Immer sind Leute dort, sitzen auf den Bänken ringsumher, betrachten die Büsten oder lesen einfach. Niedrigschwelliger kann man Erinnerung eigentlich nicht installieren, als uns das gelungen ist.“ 

Dass dieses Mahnmal tatsächlich Herzen berührt und wirkt, kann Bocksch auch bestätigen: „Heute lag zu Füßen jeder Büste ein prächtiger Blumenstrauß. Wir wissen nicht, wer sie dorthin gelegt hat. Und das ist gerade gut so.“

 

 

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